Die Vorlaufzeit vom Zeichenbrett bis zum fertigen Produkt wird immer kürzer. Und die Rolle des Konsumenten im Produktentwicklungsprozess wird zunehmend klarer.Selbst große Industrieunternehmen betreiben ein hohes Tempo und handeln schnell, um Kunden in die Produktentwicklung einzubeziehen. Als der Lkw-Hersteller Volvo Trucks entschied, seinen neuen Baustellen-Lkw – den Volvo FMX – zu entwickeln, spielte die Kundenbeteiligung
eine zentrale Rolle in diesem Prozess.
Die Nutzfahrzeugbranche ist ein Beispiel aus dem Industriesektor, der immer stärker kundenorientiert arbeitet, zumindest Volvo Trucks zufolge. Der Lebenszyklus eines Lkw-Modells ist mit etwa 10 bis 20 Jahren zugegebenermaßen immer noch recht lang, doch werden kundenspezifische Anpassungen und individuelle Änderungen zunehmend
üblich.
„Wir erleben, dass sich ein stärker segmentierter Markt entwickelt, in dem immer weniger Kunden bereit sind, sich mit einem Standardfahrzeug zufrieden zu geben. Die meisten unserer Kunden üben Einfluss auf die Konstruktion aus, damit der Lkw ihren individuellen Anforderungen gerecht wird“, so Gunnar Eliasson, Manager für das Baufahrzeugsegment bei Volvo Trucks in Europa.
Der globale Wettbewerb stellt höhere Anforderungen an die Fähigkeit eines Unternehmens, den Markt mit neuen Produkten beliefern zu können. „Das Rennen wird härter“, meint Jeffrey Liker, weltberühmter Professor an der University of Michigan in den USA.
Jeffrey Liker ist Professor für Industrie- und Betriebsingenieurwesen, und zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehört auch der Bestseller „The Toyota Way“. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeit untersuchte er, was den japanischen Fahrzeughersteller von den anderen abhob, und dies wiederum führte ihn zu einer eingehenden Betrachtung der Methode der schlanken Produktion, deren Kern darin besteht, alles nicht Notwendige aus dem Entwicklungsprozess auszuschließen und die Entwicklungszeit zu verkürzen.
„Die Lebenszyklen sämtlicher Produkte werden verkürzt, da der Wettbewerb eine fortlaufende Entwicklung erfordert. Niemand möchte riskieren, Marktanteile zu verlieren“, erklärt er.
Wenn dann auch noch die Kunden in den Produktentwicklungsprozess eingebunden werden, sind viele technologieorientierte Unternehmenskulturen mit großen Herausforderungen konfrontiert.
„Alle Unternehmen nehmen Kundennähe für sich in Anspruch, doch tatsächlich praktizieren dies längst nicht alle. Weil es so schwierig ist“, betont er. Dieser Ansatz verlangt Zeit für den Kunden; er erfordert eine Methodik zur Ermittlung
der Kundenbedürfnisse und zur anschließenden Umsetzung dieser in technische Spezifikationen.
Als Volvo Trucks sein neuestes Modell entwickelte, den Volvo FMX – einen Lkw für das Baugewerbe –, wurde ein neuer Ansatz in den Produktentwicklungsprozess übernommen. Bei der Entwicklung wurden Kunden, Fahrer, Vertriebspersonal und Marketingspezialisten beteiligt – und dies auf eine Weise, die nie zuvor versucht wurde.
„Wir wollten zwei Fragen stellen: Was gut war an dem bisherigen Modell, das wir für die Kunden des Baugewerbes angeboten hatten, und welche Änderungen sie gerne sehen würden“, erzählt Gunnar Eliasson.
Gunnar Eliasson und einige seiner Kollegen reisten durch Europa, mit dem Ziel, eine Wunschliste für das zukünftige Modell zusammenzustellen. Diese Liste war lang. Nachdem dieser europaweite Kundendialog zusammengefasst war, mussten die Prioritäten festgelegt werden. Ganz oben auf der Aufgabenliste standen eine neue Außengestaltung des Fahrerhauses, besser zugeschnittene Rückspiegel, robustere und wartungsfreundlichere Stoßfänger, besser positionierte Lufteinlässe für den Motor und servicefreundlichere Scheinwerfer.
Die Aufgabe, anhand dieser Wunschliste Prototypen und Modelle in Originalgröße zu erstellen, wurde den Produktentwicklern und Designern übertragen.
„Allerdings reicht es nicht aus, nur zu tun, was auf der Liste steht. Wir mussten einen Schritt weiter gehen und unsere Kunden mit einem gewissen Extra überraschen. Unser Team war eine gemischte Truppe von Leuten aus dem Marketing und der Produktentwicklung, die gemeinsam die Fähigkeit hatten, das Fahrzeug aufzupeppen“, erinnert sich Gunnar Eliasson.
Und genau das ist es, was – gemäß Jeffrey Liker – den größten Unterschied zwischen „schlanker“ und herkömmlicher Produktentwicklung ausmacht.
„Bei der schlanken Produktion arbeiten Spezialisten abteilungs- und bereichsübergreifend frei zusammen, um die Kundenbedürfnisse besser erfüllen zu können. Gleichzeitig fördert dieser Ansatz das stetige Lernen über Produktionsprozesse und das Verständnis, wie die Produktentwicklung durchgeführt wird. Dahingegen findet
die herkömmliche Produktentwicklung in separaten Zellen statt, in denen jede Entwicklergruppe mit allen Kräften in ihren jeweiligen Bereich arbeitet, jedoch mit sehr geringem Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Abteilungen“, erklärt er.
Unter außerordentlicher Geheimhaltung und nach Unterzeichnung einer strikten Vertraulichkeitsvereinbarung wurde eine Anzahl von Kunden dann in verschiedenen Kundenberatungsrunden zusammengebracht, um den neuen Baustellen-Lkw zu bewerten. In einem Studio war ein Modell des neuen Fahrzeugs ausgestellt, und an der
Wand hingen Bilder des Baustellen-Lkw in verschiedenen Einsatzumgebungen.
„Das neue, kraftvollere Erscheinungsbild wurde hoch gelobt, als wir den Lkw in unseren Kundenberatungs-Studios zeigten. Die Teilnehmer würdigten, das das Design des Volvo genau das war, was sie erhofft hatten“, so Gunnar Eliasson.
In einem anderen Studio war ein Fahrerhaus mit der gesamten neuen Ausstattung ausgestellt. Die Kunden konnten die Ausstattung betrachten, anfühlen sowie ausprobieren, und sollten ihre Meinung dazu äußern: zum Beispiel über die neue Leiter – befand sie sich an der richtigen Stelle, sodass der Fahrer problemlos aus dem Fahrerhaus
aussteigen und bequem die Ladefläche einsehen kann, ohne dass dazu Akrobatikkünste nötig sind?
Gunnar Eliasson ist der Ansicht, dass das Projekt sehr erfolgreich war. Einerseits war die Vorlaufzeit kurz, anderseits konnten die Entwicklungsingenieure ihren Zeitaufwand dank der Tatsache, dass Fahrer und Kunden zu einem frühen Projektzeitpunkt in den Prozess eingebunden wurden, auf die Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig waren.
„Die Vorteile der Einladung von Kunden, sich am Produktentwicklungsprozess zu beteiligen, überwiegen bei Weitem das Risiko, dass Informationen an unsere Wettbewerber weitergegeben werden könnten“, sagt er.
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